Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila

Die letzten drei Wochen waren für mich sehr emotional und ich musste mir über vieles Gedanken machen. Nach St. Peter Ording und Martys Aussetzer war ich von diesem Pferd so enttäuscht und auch eingeschüchtert, dass ich ihn am liebsten direkt abgegeben hätte. Das was er dort gemacht hat war einfach nur gefährlich und ich konnte ihn in der Situation nicht wieder auf meine Seite bekommen.

Dieser Ausflug hat einen sehr großen Knacks in unsere Beziehung gebracht und mir fällt es seitdem sehr schwer Marty zu vertrauen und auch beim Reiten bin ich immer vorsichtig geworden. Seit drei Wochen haben wir nun aber wieder unseren gewohnten Alltag und es ist fast wie vor St. Peter Ording. Trotzdem bin ich ihm gegenüber deutlich reservierter und kann ihn nicht mehr so viel Freude gegenüber bringen wie früher. Ich habe mir für dieses Pferd den Hintern aufgerissen, ihn alles ermöglicht, er hat das komplette Wellness-Paket und bekommt den ganzen Tag Puderzucker in seinen Hintern geblasen und dankt es mir dann indem er mich in Gefahr bringt.

Wenn ich Freunden davon erzähle, vergleiche ich es immer mit einer Beziehung zwischen Menschen. Ist das Vertrauen erstmal weg, ist es unheimlich schwer dieses wieder aufzubauen. Bei Menschen ist der nächste Schritt dann meistens die Trennung und im Idealfall findet der Partner einen neuen Partner, mit dem es rundum perfekt ist. Genau an diesem Punkt stehe ich gerade. Ich habe das Gefühl unsere Beziehung ist kaputt, er freut sich nicht mehr wirklich wenn wir kommen und es fühlt sich an, als wären wir kein Team mehr. Dieses Gefühl hat mich die letzten Wochen sehr umgetrieben und mir vor Augen geführt, was ich eigentlich will. Reiten ist mein Hobby und ich sollte Spaß dabei haben. Mein größter Traum ist es irgendwann mal M-Springen zu gehen und viele Turniere zu besuchen. All das stelle ich für Marty hinten an, da er nie so hoch springen wird. Dann reite ich noch gern aus und genieße die Ruhe im Wald. Auch hier bin ich immer auf Begleitung angewiesen, da Marty nicht mehr alleine in den Wald geht. Das Meer haben wir direkt vor der Haustür und ich liebe es mit den Pferden nach SPO zu fahren und einfach mal durchs Meer zu galoppieren. Auch hierauf muss ich offensichtlich verzichten, da er total bekloppt wird. Und das Verrückte an der ganze Sache: Er hat es früher alles gemacht (außer M-Springen). Wir sind Turniere geritten, wir sind alleine ausgeritten und er ist ohne mit der Wimper zu zucken ins Watt. Hätte er das früher alles schon nicht gemacht, wäre ich jetzt auch gar nicht so frustriert.

Es musste also eine Entscheidung her, denn ich habe mir so einen innerlichen Druck gemacht, dass mir fast täglich mein Kopf explodiert ist. Was soll ich machen? Wie geht es weiter? Was will ich im Reitsport?

Ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht, aber wäre jetzt bereit den Weg zu gehen und Marty zu verkaufen. Ich bin mit meinem Latein am Ende und Suche täglich nach Lösungen, was bei uns beiden passiert ist, dass es jetzt so ist wie es ist – ohne Erfolg.

Ich habe darüber viel mit meiner Familie und vor allem mit meiner Schwester gesprochen und wir sind alle an dem Punkt, dass dieser Sport Spaß bringen soll und das tut er mir so nicht mehr. Das Leben hat leider keine Konstante und ich hätte mir die Zukunft definitiv etwas anderes gewünscht, doch manchmal muss man seinen Weg verlassen um etwas Neues zu entdecken.

 Mir fällt das alles unglaublich schwer, da Marty nicht nur mein erstes eigenes Pferd ist, sondern ich dieses Pferd auch eigentlich total Liebe. Er hat einen frechen Charakter, ist aber auf seine Art trotzdem total niedlich. Trotzdem kommen wir so nicht weiter und daher steht diese Entscheidung fürs Erste fest.

Das Verrückte ist, das ich mir seitdem keinen Stress mehr mache und an alles mit mehr Gelassenheit herangehe. Gestern hatten wir dann Unterricht und wir haben die Stunde für ein paar Sprünge genutzt und ich konnte es selbst nicht glauben, aber Marty ist unglaublich toll gelaufen. Es hat so viel Spaß gebracht und ich bin glückselig von meinem Pferd abgestiegen. Da kamen natürlich direkt wieder Zweifel auf, ob das alles so richtig ist oder ob ich eine falsche Entscheidung getroffen habe. Aber ich muss das alles recht rational sehen, denn ich bin ganz ehrlich, das Vertrauen ist immer noch nicht wieder da. Sobald ich auf Marty aufsteige habe ich immer ein etwas mulmiges Gefühl. Ich achte auf alle Kleinigkeiten vor denen er wegspringen könnte und versuche Situationen zu meiden, in denen er explodieren könnte. Ob er das alles noch macht, weiß ich nicht. Es ist aber so fest in meinem Kopf verankert, dass ich mich nicht mehr zu 100% auf Marty sicher fühle. Es ist wirklich zum Mäuse melken, denn ich bin unglaublich Hin und Her gerissen.

Meine Trainerin kam gestern nach dem Training noch einmal zu mir und fragte mich, ob Marty schon früher so gesprungen ist. Ich verneinte das und wir finden seine Entwicklung beide wirklich positiv. Sie hätte auch das Gefühl, dass ich seit der Entscheidung ihn wegzugeben entspannter bin und man dies auch beim Reiten merkt. Außerdem ist er da und muss gearbeitet werden, alles andere wäre Kontraproduktiv für alles, was wir bis jetzt investiert haben und Marty gegenüber nicht fair. Also arbeiten wir ihn genauso weiter wie bisher und was die Zukunft bringt werden wir schon noch früh genug sehen. Entweder es findet sich jemand ganz tolles, der ihn so nimmt wie er ist oder eben nicht.

Übers Knie brechen müssen wir jetzt nichts und in erster Linie ist es das ichtigste, dass es Marty gut geht, er gesund bleibt und glücklich ist. Vielleicht hat mir dieser emotionale Abstand der letzten Wochen ihm gegenüber geholfen alles mit anderen Augen zu sehen und nicht mehr so verbissen daran festzuhalten, dass es mit uns klappen muss – denn nicht jedes Pferd-Reiter-Paar harmoniert und auch wenn es mal alles perfekt war, kann es immer Vorfälle geben, die etwas kaputt machen. Ich weiß nicht, was bei uns passiert ist, aber die Monate im Winter mit dem kaputten Fesselträger haben schon stark an unserer Beziehung gerüttelt und bis jetzt haben wir nicht wieder richtig zueinander gefunden. Mir graust es auch immer noch vor dem Winter, denn Anfang diesen Jahres war Marty einfach bekloppt und hat mich jedes Mal beim Reiten an meine emotionalen Grenzen gebracht und ich hatte wirklich Angst ihn zu reiten. Ich hoffe, er bleibt diesen Winter weitestgehend lieb und lässt seine wilden Sachen sein.

Ich denke, dass wir aber an einem fairen Punkt für alle angekommen sind. Marty soll es gut gehen, meine Schwester und ich sollen Spaß an unserem Hobby haben und dafür muss man leider im Leben auch Entscheidungen treffen, die auf den ersten Blick sehr wehtun und sich nicht richtig anfühlen. Ich kann es mir noch überhaupt nicht vorstellen, dass Marty vielleicht irgendwann nicht mehr an meiner Seite sein wird, vielleicht bleibt er aber auch, wenn ich keine geeigneten Käufer finde. So ist der aktuelle Stand und wir werden abwarten müssen, was die Zukunft für uns bereithält. Ich plane einfach gar nichts mehr und nehme jeden Tag mit Marty so wie er kommt. Vielleicht ist das der Schlüssel zum Erfolg – wer weiß.

Trotzdem würde ich auch gern weiterhin bei Instagram und YouTube in unserem Alltag mitnehmen, denn ich merke jetzt schon wie mir das Posten und die Videos (die immer noch viel zu kurz kommen) fehlen. Ich würde euch gern weiterhin auf dem Laufenden halten und einfach ehrlich über unsere tägliche Arbeit berichten, über gute und schlechte Tage und über mein Gefühlschaos. Ich hoffe, dass ihr für meine Entscheidung Verständnis habt. Ich möchte Marty nicht einfach abschieben, sondern ich möchte, dass es Pferd und Reiter gut geht und manchmal gehört es dann auch dazu, dass sich Wege trennen. Das gibt es sicherlich nicht so häufig im Internet und eigentlich hat jeder sein Herzenspferd gefunden, welches er nie wieder hergeben möchte und auch ich hätte mir definitiv was anderes erhofft, aber das Leben hält einfach immer wieder Überraschungen für einen bereit und leider nicht nur positive. Ganz nach dem Spruch: Vielleicht ist es manchmal besser, alles mit einem Lächeln loszulassen, als mit Tränen festzuhalten.