Aufgeben ist keine Option

Der Reitsport hat seine Höhen und Tiefen, ich würde mal behaupten, dass es hier sogar mehr Höhen und Tiefen als in anderen Sportarten gibt, denn unser Sport ist von einem Lebewesen abhängig, das leider nicht mit uns sprechen kann.

Marty ist nun seit 14 Monaten wieder bei mir im Stall. Nach der Weidepause letztes Jahr lief das Antrainieren hervorragend und Marty hat ganz toll mitgearbeitet. Als dann im September unsere Zwangspause durch den Fesselträgerschaden dazu kam, gestaltete sich der Start ins Jahr 2019 mehr als schwierig.

Anfang Januar durften wir wieder anfangen anzutrainieren und das war ehrlich kein Geschenk. Marty war kopflos, wild und unberechenbar – ein kleines Pulverfass, was jeden Moment in die Luft gehen konnte.

Wir hat dieses Antrainieren echt viel abverlangt, denn ich habe mich nicht mehr wirklich sicher auf ihm gefühlt und bin immer mit einem gewissen Respekt aufgestiegen. Genau das hat auf einem Pferderücken natürlich nichts zu suchen, aber man kann das auch leider nicht auf Kommando abschalten.

So habe ich mich mit Unterstützung meiner Schwester durch diese Zeit durchgebissen und wir sind irgendwann an den Punkt gekommen, dass es langsam wieder Spaß gemacht hat.

Dann kam irgendwann ein Punkt, an dem zwischen Marty und mir gar nichts mehr funktioniert hat. Ich weiß nicht warum, aber die Chemie hat einfach überhaupt nicht mehr gestimmt. Ich bin immer mit einem mulmigen Gefühl aufgestiegen und Marty hat bei mir wirklich Blödsinn gemacht (nur bei mir, nicht bei meiner Schwester). Er ist an einigen Stellen in der Halle immer zur Seite gesprungen, vor anderen Pferden weggesprungen oder auch manchmal mit allen vieren in die Luft und gebockt. Ich konnte nicht mehr aufsteigen ohne Angst zu haben vielleicht doch mal runterzufliegen und irgendwann hat sich die Sache so zugespitzt, dass ich uns erstmal eine Auszeit gegönnt habe und meine Schwester ihn eine paar Wochen alleine geritten ist. In dieser Zeit habe ich mir auch Hilfe von einer Horsemanship Trainerin geholt, denn so konnte es ja nicht weitergehen.

In dieser Zeit habe ich mir ein Ultimatum gesetzt. Ich bin Freizeitreiterin und Reiten ist mein Hobby und soll mir Spaß bringen. Ich wollte nicht immer gefrustet vom Pferd steigen und man muss vielleicht auch für sich selbst akzeptieren, wenn es nicht mehr passt. Marty abzugeben war daher zu diesem Zeitpunkt eine Option, denn es bringt ihm genauso wenig wie mir, wenn wir nicht mehr miteinander funktionieren.

Da ich jedoch nicht der Typ bin, der sein Pferd direkt aufgibt (das merkt man vielleicht an unserer Vergangenheit und den ganzen Lahmheiten, die ich immer wieder mit ihm durchgemacht habe) wollte ich auch jetzt erstmal alle Möglichkeiten ausprobieren. Daher auch der Weg über die Horsemanship Trainerin. Wir hatten in diesem Training sehr viele gute Ansätze und konnten an unserer Beziehung arbeiten. Das haben wir auch alles verinnerlicht und in unserem Alltag integriert (bspw. das Führtraining).

Nach den beiden Horsemanship Einheiten war der Umgang mit Marty schon deutlich einfacher und angenehmer, draufgesetzt habe ich mich trotzdem noch nicht wieder.

Als dann jedoch der Termin beim Sattler war und meine beiden Springsättel nicht mehr gepasst haben, musste ich mich auf Marty setzen, da ich einen Sattel probegeritten bin und Marty hat bei diesem sehr kurzen Ritt ausnahmsweise nichts gemacht.

Da das alles jedoch noch nicht optimal war, sind wir übergangsweise erstmal mit meinem Springsattel geritten, der nicht optimal auf Marty lag, aber mehr oder weniger in Ordnung war. Der Dressursattel musste zu diesem Zeitpunkt etwas umgeändert werden und einen Springsattel wollte der Sattler mir beim nächsten Besuch mitbringen.

Der Springsattel, in dem wir dann geritten sind, passte vielleicht optisch ganz in Ordnung, aber Marty ist ja eine totale Mimose was Verletzungen und Schmerzen angeht und ich hatte direkt das Gefühl, dass ihm der Sattel nicht gefällt. Nach dem ersten Unterricht waren wir wieder an dem Punkt, dass er zur Seite oder nach oben gesprungen ist und ich bin dann lieber nicht mehr geritten, bis die Sattelproblematik gelöst war.

Da er in der Zeit bis zum nächsten Sattlertermin auch noch einen Spatschub bekam, mussten wir eh etwas pausieren und hatten dann fürs Antrainieren einen passenden Spring- und Dressursattel zur Verfügung.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich knapp 3-4 Wochen Pause, die meinem Kopf sehr gut getan hat. Ich bin dann wieder aufgestiegen und es lief. Man mag es kaum glauben, aber wir hatten kaum noch Probleme und wenn mal was war, war es nicht mehr so schlimm wie noch vor ein paar Wochen. Es hat sich irgendwie auch meine Einstellung dazu geändert. Ich nehme es nicht mehr allzu Ernst und schaue auch mal über den Spackenkram hinweg und die Arbeit mit Marty wurde bzw. wird von Tag zu Tag besser und ich steige fast nur noch mit einem guten Gefühl von ihm ab.

Einen Schlüsselmoment hatte ich tatsächlich am letzten Wochenende. Marty wäre nicht Marty, wenn er uns nicht doch ab und zu mal auf Trab hält. Er ist einfach kein einfaches Pferd und ihm ist super schnell langweilig und wenn ihm langweilig wird, fängt er an vieles zu hinterfragen und testet gern mal. Eigentlich wie ein junges Pferd und man muss immer wieder mit ihm diskutieren und ihm zeigen, dass er nicht das Sagen hat.

Folgende Situation hatten wir: Ich wollte am Donnerstag mit einer Freundin eine Schrittrunde reiten und auf halber Strecke bleibt er plötzlich stehen, blockiert total und rennt nur noch Rückwärts. Völlig unkontrolliert ging es rückwärts in den Busch, ein Glück war an der Stelle kein Graben. Als er dann Druck von hinten in Form eines Baums bekam, wollte er steigen. Ich weiß, dass ich in diesem Moment nicht zu viel Druck machen darf, denn ich ziehe dann definitiv den Kürzeren. Auch wenn man am liebsten mit der Gerte ihm einmal auf den Po hauen will, weil es dann vielleicht wieder vorwärts geht, muss man das bei Marty ganz vorsichtig angehen, denn für ihn geht es anstatt nach vorne nur noch nach oben. Da ich fest davon überzeugt bin, dass Marty in seinem Wahn die Füße verlieren würde und wir nach hinten wegkippen würden, provoziere ich die Situation nicht und versuche ihn mit Ruhe da durchzutreiben – klappt leider meistens nicht und wir mussten dann umkehren. Er hat somit seinen Willen bekommen und ich musste nachgeben, was mich immer tierisch ärgert, denn jetzt weiß er, dass er damit durchkommt.

Am Freitag ist meine Schwester ihn geritten und er lief wirklich gut. Sie war noch mit zwei weiteren Pferden in der Halle, einmal Ernie sein Weidepartner und noch ein wirklich großes braunes Pferd. Als sie dann am Ende am langen Zügel noch ganze Bahn leichttraben wollte, fing Marty plötzlich an vor Ernie wegzuspringen. Wie ein Irrer schoss er zur Seite weg. Das ging dann erstmal die nächsten Runden so, aber meine Schwester wollte ihm das nicht durchgehen lassen und hat ihm immer und immer wieder durch diese Situation geritten. Marty steigert sich gern in Dinge rein und fing dann zwischendurch schon 5 Meter vorher an, stehen zu bleiben und vorne hochzukommen, meine Schwester ist aber ruhig geblieben und hat seine Show nicht beachtet und siehe da, nach ein paar Runden ging es plötzlich und Marty konnte problemlos an Ernie vorbei laufen. Dazu ist noch zu sagen, dass sie bis zu dem Zeitpunkt schon 20 Minuten zusammen in der Halle waren und Marty schon zig mal an Ernie vorbei gelaufen ist und im Übrigen war das andere große braune Pferd ein Problem. Der durfte an ihm vorbeigaloppieren ohne, dass Marty auch nur gezuckt hat. Als ich dann gesehen habe, dass meine Schwester das in Ruhe mit ihm ausdiskutiert hat und Marty irgendwann nachgegeben hat, ist mir klar geworden, dass er einfach manchmal ein kleiner Sausack ist und wir ihm in solchen Momentan in die Schranken weisen müssen. Das ist nämlich keine Angst von ihm sondern er testet nur, ob er vielleicht doch nochmal seinen Willen bekommt.

Mit dieser Erkenntnis bin ich am Samstag direkt wieder mit einer Freundin eine Schrittrunde geritten und Marty ist exakt an der Stelle von Donnerstag wieder stehengeblieben und hat die gleiche Show abgeliefert. Ich bin dann diesmal abgestiegen, weil ich die Hoffnung hatte, dass er vielleicht im zu Fuß mitkommt und außerdem war dann die Gefahr des Steigens geringer. Aber auch an der Hand hatte ich keine Chance. Meine Freundin hatte glücklicherweise eine Gerte mit und immer wenn Marty den Rückwärtsgang eingelegt hat, hat sie ihm mit der Gerte berührt. Auch hier ist es wichtig, ihn nicht doll eine zu verpassen, denn auch dann geht er in die Luft. Das hat tatsächlich sehr gut funktioniert und er ist nur einmal wirklich gestiegen. Es war dann eine Mischung aus brav Schritt gehen, doch wieder stehenbleiben, lostraben und alles wieder von vorne. Nach ein paar Metern hat man richtig gemerkt, wie er aufgegeben hat, er hat den Kopf fallen lassen, die Anspannung ging aus dem Pferd und er ist nur noch brav neben mit Schritt gelaufen. Ich konnte dann auch wieder aufsteigen und wir sind die Runde ganz normal zu Ende gegangen.

Um zu schauen, ob sein kleines Erbsenhirn sich das gemerkt hat, ging es Sonntag nochmal die Runde und siehe da, kein Stehenbleiben, keine Anspannung sondern einfach nur am langen Zügel die Schrittrunde laufen. In solchen Momenten denke ich dann immer: „Marty du kannst es so einfach haben.“ Der krönende Abschluss war dann noch ein ganz toller Ritt, er lief so gut wie lange nicht mehr und hat einfach nur Spaß gemacht. Er ließ sich toll vorne ran reiten und hat sehr gut mitgearbeitet.

Ich bin nach diesem Wochenende um einige Erkenntnisse reicher und bin froh, dass ich nicht Anfang des Jahres aufgegeben habe. Ich glaube, Marty wird uns immer wieder auf die Probe stellen und wir werden bestimmt auch immer wieder Sachen mit ihm erleben, in denen wir Ruhe bewahren und ihm zeigen müssen, dass er das mit uns nicht machen kann. Marty muss man nehmen wie er ist, mit seinen Macken und Eigenarten und wenn ich das verinnerliche und akzeptiere, kommen wir hoffentlich nicht nochmal an den Punkt, an dem ich am liebsten aufgeben würde. Mal schauen, was wir dieses Jahr noch erreichen werden, sicherlich gibt es Tage an denen ich nicht zufrieden bin, aber solange es an einem schlechten Training und nicht an Buckeleskapaden liegt, ist das in Ordnung.

Wenn wir den nächsten Winter ohne größere Probleme, sei es Lahmheit oder ein gestörter Marty  ist, kann mich hoffentlich nichts mehr aus der Bahn werfen. Aktuell bin ich auf jeden Fall sehr froh, dass ich nicht aufgegeben habe.