Achterbahn der Gefühle

Das aktuelle Jahr ist bis jetzt geprägt durch viele Höhen und Tiefen. Anfang Januar haben wir das „Go“ bekommen und durften Marty wieder antrainieren. Die ersten Monate waren wirklich kein Geschenk und ich war jedes Mal dankbar, dass ich lebend von dem kleinen Pulverfass abgestiegen bin. Marty wurde glücklicherweise von Woche zu Woche besser, seine kleinen Stunts wurden weniger und ich bin immer häufiger vom Pferd gestiegen und hab gesagt: heute war er richtig gut und hat Spaß gemacht.

Ungefähr vor 5-6 Wochen sind wir dann an einen Punkt gekommen, an dem es nicht mehr konstant besser wurde, sondern wir immer Tage hatte an denen es gut lief und dann gab es Tage, an denen es überhaupt nicht lief.

Marty hat angefangen vor entgegenkommenden Pferden zu scheuen und ist weggesprungen oder übers Steigen umgedreht, hat sich beim Eingang der Halle erschrocken und ist zur Seite gesprungen oder hat auch ab und zu mal so beim Galoppieren gebockt (was das kleinste Übel an der ganzen Sache ist). Da wir uns ja noch im Aufbautraining befinden und er auch immer noch nicht aus der Box kommt außer zum Reiten, habe ich das einfach so hingenommen und gehofft, dass er entspannter wird, wenn es wieder wärmer wird und die Hallensituation sich auch entspannt, weil wir endlich wieder raus können.

Vor circa drei Wochen habe ich mich dann dazu entschieden, dass er wieder auf‘s Paddock kommt, weil es überhaupt nicht besser wurde, sondern dieses ständige Auf und Ab zum stetigen Begleiter wurde. Er ist nur alleine auf ein Paddock gekommen, was etwas abseits liegt und wo keine Unruhe ist – wir mussten ja erstmal testen, wie er sich verhält. Glücklicherweise war er super artig und ist brav im Schritt geblieben. Wir haben dann nach ein paar Tagen auf die Paddocks gewechselt, bei denen er auch Kontakt zu anderen Pferden hat, wenn welche draußen stehen. Ich hatte nämlich immer mehr das Gefühl, dass er so langsam mal wieder Kontakt zu anderen Pferden braucht. Er stand schließlich seit September 2018 in der Box und wurde nur zum Führen rausgeholt, richtig sozialen Kontakt gab es aber leider nicht. Auch hier war er entspannt und hat es einfach sichtlich genossen, dass er endlich raus aus seinen vier Wänden kommt. Seit dem Wochenende steht er nun sogar mit dem Pferd einer Freundin auf einer kleinen Stundenweide. Ich weiß noch nicht so ganz, was unser Tierarzt dazu sagen wird, aber es ist schön sein Pferd endlich wieder auf der Wiese zu sehen. Da die Stundenweiden nicht so groß sind, verleitet das nicht direkt ins losgaloppieren und über die Weide donnern. Vielmehr stehen Marty und Ernie (sein neuer Weidepartner) entspannt auf der Weide und genießen lieber das Gras. Beide vertragen sich und stehen ganz ruhig nebeneinander. Es gab natürlich auch mal die Situation, dass beide über die Weide galoppiert sind, aber nur kurz und sie haben sich recht schnell wieder eingekriegt. Ich hoffe einfach, dass es beim nächsten Ultraschall alles gut aussieht und das Bein dadurch nicht wieder kaputt geht – Sorgen über Sorgen.

Ich hoffe, dass ich mit dem Paddock und nun mit der Weide die richtige Entscheidung getroffen habe und Marty einfach heil bleibt. Ich konnte es nur leider nicht mehr verantworten, dass er nur in der Box steht, denn unsere kleine Achterbahnfahrt nahm kein Ende. Die Tage an denen ich gesagt habe „heute lief er toll“ wurden weniger und ich bin immer häufiger mit einem mulmigen Gefühl aufgestiegen und habe immer gehofft, dass er nichts macht – tolle Voraussetzung.

Es wurde mit dieser Einstellung natürlich nicht besser und Marty find an immer mehr Blödsinn zu machen. Gerade das plötzliche Weg- und zur Seite springen haben mich zur Weißglut gebracht, denn es nervt einfach nicht einmal eine ganze Bahn zu galoppieren oder zu traben, ohne das es an der nächsten Ecke wieder rund geht. Am letzten Mittwoch war es beim Unterricht schon schlimm und am Donnerstag war es dann katastrophal. Ich bin abgestiegen und war wirklich verzweifelt, für mich gab es in diesem Moment nur noch eine Option: Marty muss gehen. Wenn ich mich auf meinem Pferd nicht mehr sicher fühle und ich nicht mehr einfach aufsteigen und losreiten kann, bringt das für mich nichts. Ich war wirklich in dem Moment fest entschlossen, dass sich unsere Wege jetzt trennen. Ich bin wirklich ein Mensch, der selten richtig aus er Haut fährt und so richtig sauer ist – am Donnerstag war so ein Tag. Ich glaube sogar, dass ich noch niemals in meinem Leben so sauer war. Eigentlich hätte ich natürlich ihn nochmal durchreiten müssen, aber das hätte es ganz bestimmt nur schlimmer gemacht, daher bin ich abgestiegen und habe Marty in die Box gebracht. Zuhause gab es dann auch ein paar Krokodilstränen, die ich verdrücken musste, als ich es meiner Familie erzählt habe.

Ich hätte vermutlich schon im Stall geheult, aber da ich einfach nicht mehr geredet habe, konnte ich mir das verkneifen. Wenn ich dann aber von der Situation erzähle und darüber spreche, geht es irgendwie ganz automatisch los. Bekloppt, aber ich kann das nicht einfach runterschlucken.

Ich habe mir am Donnerstag vorgenommen Marty erstmal nicht mehr zu reiten, denn es bringt gerade überhaupt nichts da auf Biegen und Brechen irgendwas zu erzwingen, was gerade nicht zu erzwingen ist. Nachdem ich dann eine Nacht darüber geschlafen habe, sah die Welt auch schon wieder ganz anders aus und ich hab das mit dem Verkaufen erstmal wieder verworfen.

Wie geht es jetzt weiter? Marty wird jetzt erstmal von anderen geritten, denn man mag es kaum glauben, bei anderen macht er das, was er bei mir macht nicht – traurig, aber wahr.

Meine Schwester reitet ihn ja dreimal die Woche und er macht einfach nichts bei ihr – gar nichts! Der ist totenbrav und zieht seinen Bahnen in der Halle und auch draußen.

Ich wollte das nun einmal genauer wissen und habe Marty am Sonntag von einer Freundin reiten lassen. Ratet mal was er gemacht hat. Genau, nichts.

Ich gehe daher ganz stark davon aus, dass ich das Problem in dieser verzwickten Lage bin. Ich habe ja von der Horsemanship Trainerin gelernt, dass Marty ein ganz sensibles Pferd ist. Wenn ich nun da oben draufsitze und mir immer das schlimmste ausmale und davon ausgehe, dass er gleich was macht, spürt er das wahrscheinlich und dann passieren diese Dinge. Es ist bestimmt auch mein Unterbewusstsein, was hier eine ganz große Rolle spielt.

Ich wurde mal vor einiger Zeit, wo Marty noch so richtig blöd war, gefragt, warum ich so Angst vorm Runterfallen habe. Denn was kann schon passieren, außer dass man vielleicht mal fällt. Ich habe aber einfach keine Lust runterzufallen. Runterfallen tut weh und wenn du Pech hast fliegst du unters Pferd und bekommst noch einen Tritt gegen den Kopf. Das sind tatsächlich Szenarien, die sich in meinem Kopf abspielen, wenn ich ans Runterfallen denke. Und genau dieses ganze Nachgedenke übers Runterfallen, Wegspringen und Blödsinn machen, ist bestimmt der Grund, warum Marty und ich gerade nicht auf einer Wellenlänge sind. Nur wie schaltet man das ab? Ich war früher wirklich nie ängstlich beim Reiten, ich hab mich überall raufgesetzt und hab mir nie Gedanken gemacht. Und heute schwirren diese ganzen „Was wäre wenn?“ Gedanken durch meinen Kopf.

„Was wäre wenn ich runterfalle, Marty wegläuft und sein Bein wieder kaputt geht?“

„Was wäre wenn ich runterfalle und ich so unglücklich falle, dass wirklich was passiert?“

„Was wäre wenn mir jetzt wieder einer zu nah an mir vorbeireitet und Marty wegspringt?“

Und noch viele weitere Möglichkeiten gehen mir durch den Kopf, wenn ich auf Marty sitze. Eigentlich kein Wunder, dass es mit der Reiterei gerade nicht so klappt, denn wo ist bei all diesen Gedanken noch Platz für richtiges Reiten, korrekte Hilfen geben, dem Pferd Sicherheit geben und das Reiten genießen?

Der erste Weg zur Besserung ist auf jeden Fall, dass es mir bewusst ist, dass es ein Problem gibt und ganz offensichtlich ich das Problem hierbei bin, denn sonst würde er bei anderen Reitern ja auch so sein. Es ist nur nicht so einfach, das einfach abzuschälen und zu sagen: „Hey Gehirn, hör auf dir Gedanken zu machen, Marty macht nichts, genieße einfach das Reiten.“

Das wäre leider zu einfach. Ich habe aber eine erste Idee und die ist, dass ich Marty jetzt von meiner Schwester und meiner Trainerin reiten lasse und ich werde ihn die anderen Tage longieren und die Bodenarbeit machen, die uns gezeigt wurde. Ich glaube es wird mir helfen zu sehen, dass er bei anderen wirklich nichts macht und sicherlich wird es mir auch leichter fallen ihn zu reiten, wenn meine Trainerin ihn entsprechend durchreitet. Wie lange ich nicht reiten werde, halte ich mir offen. Vermutlich packen mich irgendwann wieder der Ehrgeiz und die Lust. Vielleicht werde ich auch erstmal viel ausreiten gehen, denn im Wald ist Marty eine sichere Bank und macht überhaupt nichts. Mich hetzt keiner und ich muss auch nicht morgen Olympia reiten – nur der Sattler kommt nächste Woche und ich muss Sättel probe reiten, aber da konzentriere ich mich meistens so darauf, dass ich die nigelnagelneuen Sättel nicht zerkratze und beschädige, dass mein Gehirn damit völlig ausgelastet ist.

Momentan sehe ich das alles deutlich entspannter als noch am Donnerstag, denn dass Marty das nur bei mir macht und nicht bei anderen, beruhigt mich tatsächlich etwas. Es zeigt mir, dass nicht Marty das Problem ist sondern ich und ich kann viel zielgerechter an mir arbeiten. Mal gucken, wie schnell ich wieder im Sattel sitzen werden.