Horizont erweitern: Wir machen jetzt Horsemanship (Teil 2)

Der Termin für das Training stand und am Sonntag, den 14.04.2019 kam die Trainerin zu uns in den Stall. Ich habe Marty vorher 20 Minuten Schritt geführt und wir haben uns dann erstmal auf dem Hof unterhalten. Ich gebe euch jetzt das weiter, was sie mir alles erzählt hat, das sind keine Interpretationen in die Situation von mir, sondern das ist das, was sie analysiert bzw. gesehen hat.

Wir standen auf dem Hof und in der Zeit ist schon sehr viel passiert, was sie wahrgenommen hat. Beispielweise haben wir mit Marty das Problem, dass er nicht wirklich still daneben steht, sondern immer am Menschen ist. Er knabbert dann im Kragen oder auf dem Strick, er ist an den Händen zu Gange und hat wenig Distanzgefühl. Ich habe in dieser Situation ihn immer von mir weggedrückt, weil ich immer dachte, dass das Pferd das nicht soll. Auch beim Schritt führen guckt er immer in der Weltgeschichte rum und ist gefühlt nie bei mir. Beim Führen habe ich ihn dann immer am Strick zu mir geholt, damit er mit dem Kopf gerade ist und geradeaus läuft. Eins vorweg: in beiden Situationen habe ich falsch gehandelt.

Sie hat es mir so veranschaulicht, dass ich quasi Marty bin und sie der Mensch. Ich sollte dann bei ihr das machen, was Marty bei mir macht. Also beim Führen nach links und rechts gucken und beim Stehen am Menschen rumknabbern. Für jedes nach links und rechts Gucken habe ich dann einen Ruck in den Strick bekommen und für jedes Knabbern einen „Schlag“ mit dem Handrücken. Das ist jetzt etwas extrem dargestellt, aber es sollte mir halt verdeutlichen, wie ich quasi die ganze Zeit mit Marty nonverbal kommunizieren und natürlich war der „Schlag“ nicht stark. Damit war direkt geklärt, dass ich vieles falsch mache und mir das nie bewusst war.

Sie hat Marty recht schnell analysiert und ihre Einschätzung ist, dass er ein sehr sensibles Pferd ist, welches ganz feine Hilfen und Signale braucht. Das hätte ich im ersten Moment nicht gedacht, da Marty doch auch sehr grob sein kann und auch manchmal wie ein Rammbock durch die Gegend marschiert. Dem ist aber nicht so und somit müssen wir jetzt am Boden ganz anders mit ihm arbeiten.

Sie hat mir dann erklärt, dass die Situation beim Stehen und Führen für das Pferd die ganze Zeit Kommunikation ist. Er bekommt also von mir die ganze Zeit Signale, die er nicht umsetzen kann. Ich muss an dieser Stelle sagen, dass Marty wirklich aufdringlich ist und auch beim wegdrücken immer wieder ankommt und jedes Mal wieder in die Jacke beißt oder an einem rumknabbert. Es ist bei mir schon zum Automatismus geworden, dass ich ihn dann von mir wegdrücke. Das ist aber die falsche Herangehensweise, denn Marty muss einfach generell mindestens einen Meter Abstand zum Menschen haben. Hat er den Abstand, hat sich auch das anknabbern automatisch erledigt, denn er hat gar nicht die Möglichkeit. Das müssen wir uns jetzt aber erstmal alles erarbeiten und dazu komme ich auch gleich noch.

Das war die erste Situation, in der sie mir erstmal deutlich machen wollte, dass ich schon viel falsch mache und Marty eben ein Sensibelchen ist.

Wir standen dann im Longierzirkel, haben über das Thema Rangordnung und Marty durfte frei laufen und tun was er möchte. Es kam dann zweimal zu der Situation, dass er gern zu uns kommen wollte, das durfte er aber nicht und sie hat ihn nur mit armen nach oben weggeschickt. Das war dann auch kurz gut und dann galoppierte er auf einmal los und auf uns zu. Ich bin instinktiv weggegangen und damit war das Thema auch schon durch. Er hat mich bewegt und somit hat er es geschafft, dass ich im Rang unter ihm bin. Dafür habe ich dann auch direkt die Retourkutsche bekommen, als er wieder zu uns kam und ich ihn diesmal wegschicken wollte. Ich also arme nach oben und Marty guckte mich an und bewegte sich keinen Millimeter. Warum auch, ich bin ja jetzt in seiner Herde unter ihm und somit niemand, der ihn bewegen kann. Die Trainerin half mir dann, aber Marty blieb erstmal standhaft und deutete kurz das Steigen an. Die Trainerin hat die Situation dann übernommen und ihn wegschicken können.

Wir sind dann einmal das Thema Rangordnung durchgegangen und Horsemanship hat viel mit dem instinktiven Verhalten und auch Herdenverhalten zu tun. In der Herde wird die Rangordnung jeden Tag neu diskutiert (soweit notwendig). Der Stärkere geht zum Schwächeren und bewegt sich der Schwächere vom Stärkeren weg, ist die Randordnung geklärt. Es geht viel um das Thema „bewegen“, die Pferde bewegen die schwächeren Pferde oder auch uns Menschen und sobald sie das geschafft haben, ist der Rang geklärt. Als Marty auf uns zu galoppiert ist, habe ich mich von ihm wegbewegt.

Ein schönes Beispiel, was sie noch genannt hat, sind die Pferde, die auf der Stallgasse scharren. Das Pferd scharrt und was machen wir? Wir gehen zu dem Pferd und reden mit ihm – meistens, dass er aufhören soll. Aber im Endeffekt hat uns das Pferd einfach nur gut erzogen. Pferd scharrt, Mensch kommt. Und das ist im Prinzip eine ähnliche Situation, denn auch hier bewegt das Pferd den Menschen. Klingt alles sehr einleuchtend, ist aber in der Praxis so schwierig, denn ich erwische mich immer wieder, wie ich vor Marty weiche. Allein schon, wenn ich auf dem Hof stehe, er mir wieder auf die Pelle rückt und ich einen Schritt von ihm weggehe, anstatt ihn von mir wegzuschicken. So viele Kleinigkeiten auf die man achten muss.

Ich habe also das Thema Rangordnung und das Thema beim Führen und Stehen verstanden und weiß nun grob, was ich auf jeden Fall falsch mache.

Ich bin dann erstmal raus und sie hat mit Marty frei im Zirkel gearbeitet. Erstmal wollte sie ihn ohne Halfter/Longe im Tempo kontrollieren können. Das hat eigentlich relativ gut geklappt und dann ging es ans Eingemachte. Knotenhalfter und Bodenarbeitsseil ran und los ging die Arbeit an den Basics.

Im ersten Schritt hat sie erstmal die Abstandsproblematik mit Marty geklärt – sein Bereich uns Menschenbereich und im Menschenbereich hat der kleine Mann nichts zu suchen. Das hat er ganz gut Verstanden, hat es aber immer mal wieder probiert in dem er heimlich mit einem Huf einen Schritt nach vorne gemacht hat. Er musste dann natürlich den vorgesetzten Huf immer wieder zurück nehmen. Nächste Übung war, dass sie seine Hinterhand kontrollieren möchte. Er soll ihr mit der Hinterhand weichen und dabei die Hinterbeine kreuzen, jedoch vorne stehen bleiben. Hintergrund bei dieser Übung ist, dass die Hinterhand der Motor des Pferdes ist, hiermit kann er durchstarten und auch treten, hat man die Hinterhand unter Kontrolle, ist es wieder ein Rangordnungsthema.

Diese Übung fiel Marty vor allem nach rechts unheimlich schwer und er ist immer vorne von ihr gewichen. Da er einmal die Woche in Behandlung ist, können wir etwas Muskuläres ausschließen und es muss in seinem Kopf sein. Sie hat die Übung dann immer abwechselnd auf beiden Händen gemacht und auf der linken Seite hat er es am Ende wirklich gut gemacht und auch rechts wurde es deutlich besser. Das ist jetzt eine der Übungen, die ich als Hausaufgabe aufbekommen habe.

Dann folgte das Führtraining. Hierbei ist wichtig, dass Marty auf jeden Fall hinter und versetzt neben mir bleibt. Bedeutet ich habe meine Bahn, dann kommt das „Niemandsland“ und dann kommt seine Bahn. Das hat sie erst mit ihm geübt und dann musste ich ran. Da ich, wie bereits erwähnt kein großes Talent auf diesem Gebiet bin, stellte ich mich anfangs wirklich sehr unkoordiniert an. Ich habe es einfach überhaupt nicht hinbekommen das lange Bodenarbeitsseil, das Pferd und mich unter einen Hut zu bekommen und so ist es immer wieder passiert, dass Marty mich überholt hat oder beim Stehenbleiben immer noch einen Schritt nachgesetzt hat. Ich bin in dem Moment dann auch immer einen Schritt nach vorne gegangen und somit waren wir wieder an dem Punkt, dass ich ihm gewichen bin. Wir haben dann viel daran geübt und allein diese „leichte“ Aufgabe, war schon eine Herausforderung. Am Ende hat es ein Glück noch gut geklappt und wir haben dann aufgehört, da Marty’s Kopf vermutlich schon geraucht hat.

Ich finde die Arbeit mit dem Pferd am Boden wirklich unglaublich schwer und alles gleichzeitig zu koordinieren ist wirklich nicht zu unterschätzen. Ich werde jetzt intensiv an diesen beiden Kleinigkeiten üben und hoffentlich in zwei Wochen ein gutes Ergebnis präsentieren können.

Hoffentlich finde ich mich in die neue Aufgabe gut ein, denn ich bin demgegenüber noch sehr skeptisch und so richtig Spaß habe ich noch nicht an den Übungen gefunden. Ich weiß aber auch wofür ich das alles mache und werde mich daher der Herausforderung stellen und mich durchbeißen.